|
Szenen
einer Annäherung
Jakob
und Papagena sind Graupapageien. Beide haben viele Jahre alleine gelebt,
doch dies soll sich nun ändern.
Die Besitzer
von Jakob haben eingesehen, daß sie ihrem Papagei kein tiergerechtes Leben
bieten können; zu wenig Platz in der Wohnung und zu wenig Zeit für die
Betreuung haben sie dazu bewogen, ihren Jakob zu Papagena nach Tirol zu
bringen, wo die beiden - im Falle gegenseitiger Sympathie - eine geräumige
Volière und entsprechende Betreuung genießen könnten. Die Besitzer von
Papagena haben die Kennenlernphase genau dokumentiert - hier sind einige
Auszüge aus ihrem Tagebuch:
9.Juni:
Heute ist es endlich soweit: unsere Papageiendame "Papagena" bekommt Herrenbesuch
aus Wien. Schon die Anreise können wir über Handykontakt miterleben und
erfahren, daß Jakob ganz interessiert beim Autofenster hinausguckt und
hin und wieder etwas murmelt. Um 19.30 ist er dann da. Als Papagena Jakob
sieht, stößt sie eine Reihe von Freudenspfiffen und Rufen aus - aber Jakob
dreht sich um und beachtet sie nicht. Wir stellen seinen Käfig in ca.
1m Entfernung von Papagena auf. Jakob scheint sich auch vor unseren Hunden
und Katzen zu fürchten. Nun, jetzt soll er sich erst einmal von der langen
Reise erholen.
10. Juni:
Wir
stellen die Käfige etwas näher - die Tiere beobachten einander, scheinen
aber nicht wirklich an näherem Kontakt interessiert zu sein. Da uns die
beiden in den Käfigen leid tun, beschließen wir etwas später, sie in die
Voliere zu übersiedeln. Als wir Jakobs Käfig öffnen, will er nicht herauskommen.
Unsere Papagena scheint jedoch schon ganz genervt vom ungewohnten Käfigleben
und nimmt die erste Gelegenheit wahr, um wieder raus zu kommen. Zuerst
klettert sie ein wenig aber dann stürzt sie sich auf Jakobs Käfig und
hackt durch die Gitterstäbe; er weicht aus (im Käfig), sie ihm nach (auf
dem Käfig). Wir erschrecken und ich gehe in die Voliere und lasse Jakob
auf meinen Arm klettern. Beide Vögel sind ganz aufgeregt. Als sich die
Papageien beruhigt haben, versuchen wir es noch einmal und lassen beide
in der Voliere aus den Käfigen. Nun sitzen sie einander gegenüber - keiner
nimmt sich Zeit zum Fressen. Abends stehe ich in der Mitte und füttere
links und rechts oben jeweils einen Vogel.
11. Juni:
Die zwei beobachten einander; hin und wieder wagt Jakob einen Vorstoß
und fliegt auf den Ast von Papagena, diese weicht aber zurück. Manchmal
stoßen sie in der Luft fast zusammen aber es passiert nichts. Ich frage
mich schon, ob die beiden wohl jemals ein Paar werden, jedenfalls sieht
es so aus, als müßten wir mehr Geduld aufbringen.
12. Juni:
Morgens weckt uns das Geplapper von Jakob; mit einem herzhaften "Jajajajaja"
will er uns scheinbar mitteilen, daß er bester Laune ist, und er turnt
auch aktiv herum. Wir füttern die Vögel und dann darf Jakob aus seinem
Käfig heraus. Beide sind ganz friedlich - jeder in seiner Ecke, die sie
ab und zu tauschen. Jakob versucht immer wieder, vorsichtig näher zu kommen,
aber irgendwann flüchtet Papagena.
Als ich von meiner Pferdepflege nachhause komme, sitzt mein Mann bewaffnet
mit einer Sprühpistole vor der Voliere und ruft mich verzweifelt. Papagena
ist frech in Jakobs Käfig spaziert und Jakob hat sich dazu gesetzt. Dann
ist es den beiden scheinbar zu eng geworden und sie wollten fliehen, konnten
jedoch nicht zum Türchen hinaus, ohne dem anderen den Rücken zu kehren
und Angriffsfläche zu bieten. So sitzen sie jetzt auf einer Stange, hacken
aufeinender und schreien "Mord und Totschlag". Mein Mann hält sie mit
Schimpfen und Sprühen auseinander. Ich befreie die beiden dann aus ihrem
selbst gewählten Gefängnis und bin froh, daß ich nicht auch gehackt werde.
13. Juni:
Heute scheint Papagena schlechte Laune zu haben und ist angriffslustig.
Doch für den früher üblichen Unsinn - Vasen vom Tisch und Gewürze vom
Küchenbord stoßen - hat sie jetzt keine Zeit mehr - sie muß den Eindringling
beobachten. Beide Vögel werden wieder zusätzlich von Hand gefüttert.
14. -
16. Juni:
Diese Tage vergehen relativ ereignislos. Jakob kämpft sich Millimeter
um Millimeter näher, Papagena flüchtet immer wieder. Doch Streit gibt
es immer seltener. Am 16. Juni abends sitzen die beiden an einer ganz
engen Stelle ca. 5 cm voneinander entfernt und die Schnäbel berühren sich
sogar manchmal. Sie sind aufgeplustert - anscheinend wollen sie die Nacht
hier verbringen. Eine großartige Annäherung!
17. Juni:
Die erste Woche ist also jetzt um und ich glaube, wir haben eine 100%ige
Verbesserung erreicht. Wir versorgen die Vögel mit frischen Obstbaumzweigen
und Papagena knabbert ganz begeistert. Jakob pirscht sich an und beginnt
plötzlich, Futter hervorzuwürgen und dieses Papagena anzubieten. Sie nimmt
es zwar nicht, bleibt aber immerhin sitzen. Zusätzlich ist mir aufgefallen,
daß die beiden seit ca. 2 Tagen "miteinander sprechen".
18. Juni:
Auch die vergangene Nacht haben die beiden miteinander verbracht. Als
wir nachsehen, sitzen sie auf Jakobs Lieblingsast aufgeplustert und Schnabel
an Schnabel - einfach süß! Tagsüber nehme ich mir ein Buch und setze mich
zu ihnen; als ich nach einiger Zeit aufblicke, sehe ich die beiden ganz
zärtlich beisammen sitzen und einander füttern. Ein dreifaches Hurra!
Hurra! Hurra!
(K. Wishaber,
Tirol; red. gekürzt)
|