Artenschutz:

Teil I
Teil IV

Warum sind Papageien bedroht?
Teil I
(von Christian Maierhofer)

Kein Zweifel: Papageien sind die am stärksten bedrohte Vogelgruppe auf unserem Planeten. Paradox an dieser Tatsache ist, daß der Mensch einerseits die größte Bedrohungsursache darstellt, andererseits aber seit über 2000 Jahren von den bunten Exoten fasziniert ist. Schon im Römischen Reich wurden Papageien gehalten und bis heute ist ihre Popularität ungebrochen.

Warum üben Papageien eine so große Anziehungskraft auf den Menschen aus?
Zum einen ist es ihre Schönheit, die sie zu wahren Juwelen macht, zum anderen ist es ihr einzigartiges Wesen - ihre Intelligenz, ihre Anhänglichkeit und nicht zuletzt ihre Sprachbegabung, die sie seit jeher zum Freund des Menschen gemacht hat. Doch gerade diese Exklusivität wurde ihnen zum Verhängnis - viele Papageienarten wurden Opfer ihres dem Menschen nicht unähnlichen Wesens.

Wenn die Natur zum Feind wird
Wenn eine Population (Lebensgemeinschaft) - aus welchen Gründen auch immer - schrumpft (mehr Todesfälle als Geburten), so reicht of schon ein einziger Wirbelsturm, ein strenger Winter oder eine Dürreperiode, um das Aussterben einer Art, Unterart oder zumindest lokalen Population auszulösen. Hier werden also natürliche Mechanismen, die einer Art in einer intakten Umwelt nichts anhaben können, zur extremen Bedrohung. Für die drastischen Bestandsverluste der letzten Jahrzehnte sind unterschiedliche Faktoren verantwortlich:

  • 1. Wildtierhandel
  • 2. Lebensraumzerstörung
  • 3. Faunenverfälschung (bes. eingeschleppte Feinde)
  • 4. Jagd zum Sport und Nahrungserwerb
  • 5. Klimatische Einflüsse

Ist eine Art von "nur" einer dieser Bedrohungsursachen betroffen, so kann sie diese meist für gewisse Zeit verkraften; die massiven Bestandsrückgänge sind meist auf eine Kombination mehrerer der genannten Faktoren zurückzuführen. Wir wollen uns in dieser Ausgabe dem Wildtierhandel widmen - stellt er doch neben der Lebensraumzerstörung den bedeutendsten Bedrohungsfaktor dar.

Exportzahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1983 bezogen allein die USA 17.000 Blaustirnamazonen (Amazona aestiva). Die extrem hohen Wildvogelentnahmen ließen eine ehemals weit verbreitete, häufige Art selten werden und in manchen Regionen ganz verschwinden. Von den Talaut-Inseln (Indonesien) wurden binnen weniger Jahre mehrere Tausend Diademloris (Eos histrio) weggefangen. 1996 waren es geschätzte 1200 Vögel (Riley, 1998). Diese Art war so gefragt, daß sogar noch neue Fänger angelernt werden mußten, um den Bedarf zu decken. Die Folge: das restlose Verschwinden im Großteil seines Verbreitungsgebietes.

Das Milliardengeschäft
In der Tat läßt sich mit Papageien ein lukratives Geschäft machen. Offiziell wurden zwischen 1982 und 1988 weltweit über eine halbe Million Papageien gehandelt; über die Ausmaße des illegalen Handels läßt sich nur spekulieren. Es wird geschätzt, daß Papageienfänger allein in den neotropischen Ländern (also Lateinamerika) zwischen 1982 und 1988 satte 33 Millionen US Dollar und die Mittelsmänner 114 Millionen US Dollar verdienten. Der gesamte Marktwert der in dieser Zeit gehandelten Papageien erreichte schwindelerregende Höhen von ca. 1,6 Milliarden US Dollar!
Ein trauriges Beispiel ist Guyana, wo fast alle exportierten Vögel Papageien sind. 1991 waren dort bei 16 Exporteuren rund 8000 Fänger und Händler direkt beschäftigt, man schätzt jedoch, daß insgesamt ca. 54.000 Menschen finanziell vom Handel mit diesen Exoten profitierten - das sind ca. 5% der Einwohner Guyanas.

Das wohl am besten dokumentierte Opfer des Handels ist der afrikanische Graupapagei (Psittacus erithacus) Seine enorme Sprachbegabung und Intelligenz machten ihn zum beliebtesten "Stubenvogel". 1982 bis 89 war der Graupapagei nach dem Pfirsichköpfchen der am zweithäufigsten gehandelte Papagei, mit einer durchschnittlichen Exportrate von 47.300 Vögeln. So ereilte diese Art das gleiche Schicksal wie die Blaustirnamazone: die permanente Ausbeutung reduzierte den Graupapageienbestand maßgeblich. Dennoch werden weiterhin wildgefangene Graupapageien im Handel angeboten - auch in Österreich!

Grausame Fangmethoden
Erschwerend hinzu kommen die enormen Verluste durch brutale Fangmethoden, lange Transporte in ungeeigneten, überfüllten Transportbehältern und die anschließende Quarantäne. Bis zu neun Tiere sterben für einen Heimvogel!
Beim Ausnehmen der Nester wird fast immer die Bruthöhle aufgebrochen und ist damit für spätere Brutperioden wertlos. Zusätzlich führt dies zu einer Überalterung der Restpopulation.
Das Krankschießen ist eine barbarische Methode - ein Tier wird so weit verletzt, bis es flugunfähig ist. Nach Schätzungen überlebt nur jeder 20. Vogel diese Tortur. Der Rest wird meist von der Familie des Fängers verspeist.
Das Fangen mit Schlingen oder Leimruten bedient sich eines Lockvogels, in dessen Umgebung Nylonschlingen oder eben mit Leim bestrichende Zweige angebracht sind. Beinverletzungen sind oft die Folge, Schonzeit (z.B. während der Brutzeit) gibt es nicht. Allein die Nachfrage bestimmt die Fangintensität. So werden auch Paare getrennt und Nestlinge ihrer Eltern beraubt.
Das Fangen mit Netzen ist nicht weniger brutal: über einen bekannten Schlafbaum werden Nylonnetze gespannt, die Vögel bei Dunkelheit aufgescheucht. Alles, was sich im Netz verfängt, ob jung oder alt, wird mitgenommen.

Skrupellose Vogelfänger?
Ja und nein. Der Vogelfang hat in vielen Ursprungsländern Tradition. Solange Papageien nur auf den lokalen Märkten verkauft wurden, waren die Bestände nicht gefährdet. Doch dabei blieb es leider nicht.

Ein gutes Beispiel dafür sind die indonesischen Kakadus: So schien man 1981 für Goffin-Kakadus noch nicht besonders viele Abnehmer in den Industrieländern zu finden; 1700 Tiere wurden ausgeführt. Wenige Jahre später stieg die Nachfrage, was zu einer Exportsteigerung auf 8600 Vögel führte. Ähnlich erging es dem Weißhauben-, dem Orangehauben- und dem Gelbwangenkakadu, von denen heute bereits mehr Tiere in Gefangenschaft als in freier Wildbahn leben. So entwickelte sich Indonesien vom Inselstaat mit den meisten endemischen (nur dort zu finden) Vogelarten zum Inselstaat mit den meisten bedrohten Vogelarten.

Ein weiteres Opfer seiner Schönheit ist der Hyazinthara (Anodorhynchus hyazinthinus). Seine Dezimierung auf ca. 5000 Vögel wird allein dem internationalen Vogelhandel angerechnet. Anfang der 80er Jahre hatte ein süddeutscher Tierhändler 300 Hyazintharas in seiner Quarantänestation (Graber, pers. Mitteilung 2000). Als die Art den Bestandstiefpunkt erreicht hatte, wurde durch das CITES-Abkommen gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen, denn es verbot den Handel mit Hyazintharas gänzlich. Heute gibt es mehrere Schutzprojekte für diese Art.
Doch die wahren Täter sind nicht die Vogelfänger; sie verdienen ihren kärglichen Lebensunterhalt um ihre Familien zu ernähren. Die wahren Täter sind die Verbraucher in den Industrienationen - Heimtierhalter, Züchter und bis vor wenigen Jahren auch Zoos. Die wahren Täter sind die Großhändler, Zwischenhändler, Schmuggler und Zootierhändler - jene, die den Bedarf wecken anstatt zu informieren und jene, die bereit umso mehr zu bezahlen, je seltener eine Vogelart geworden ist. Denn die Nachfrage bestimmt das Angebot - dieses marktwirtschaftliche Grundprinzip gilt auch für den Tierhandel.

Christian Maierhofer hält seit 15 Jahren Papageien, vor allem Kakadus. Seine Einstellung hat sich in dieser Zeit grundlegend geändert. Heute freut er sich über jeden Vogel, den er in Freiheit beobachten kann. Den hier abgedruckten Vortrag hielt Hr. Maierhofer im Rahmen des Papageiencafés im Mai 2001.

In der nächsten Ausgabe (Newsletter 3/2001):
Teil II: Lebensraumzerstörung