Reportage: 1500 Quadratmeter Freiheit

Papageien der Arge übersiedeln ins Dschungelzelt

Das "große Los" haben Rico, Rositha, Pedro und Maki gezogen - Anfang dieses Jahres zogen die vier Weißstirnamazonen gemeinsam in das sogenannte Dschungelzelt im Tiergarten Hellabrunn, München. Und weil es so unerwartet gut funktioniert, wollten wir noch weiteren Papageien einen Hauch von Freiheit schenken - zwei Loris und zwei Venezuelaamazonen sind ebenfalls seit einigen Wochen im "Mini-Urwald" einquartiert. Wie sie die gewonnene Freiheit genießen und

Kurzer Rückblick:

Vor ca. 5 Jahren rief die heutige Leiterin des Papageienheims, Frau Gerlinde Mentl, zum ersten Mal bei der Arge Papageienschutz an, weil sie einen guten Platz für die Nachzuchten ihres Weißstirnamazonen-Pärchens suchte. Sie sollten es sich noch weiter verbessern. Nach einer Platzbesichtigung bei Frau Mentl wurde rasch klar - ein solcher Platz wird schwer zu finden sein. Stattdessen erhielt Frau Mentl schon bald einige Problempapageien der Arge, man baute um, man baute dazu ... den Rest der Geschichte kennen Sie ja.

Optimale Bedingungen

Die Hoffnung auf ein neues, noch besseres Zuhause für die Amazonen hatten wir schon fast aufgegeben - bis ich vergangenen Herbst den Tiergarten Hellabrunn in München besuchte. Sofort begeisterten mich der üppige Wuchs tropischer Pflanzen, das Urwaldklima und die vielen bunten, tropischen Vögel, die frei im Dschungelzelt flogen. Na, wenn das kein geeigneter Platz für unsere Amazonen ist, dachte ich ... und sprach sofort die zuständige Biologin des Parks, Frau Beatrix Rau, darauf an. Sie zeigte sich sehr interessiert ... Zuhause folgte eine Besprechung mit meiner Kollegin Gerlinde Mentl. Als Heimleiterin ist sie täglich mit den Papageien zusammen, und kann am besten einschätzen, welche Gefiederten sich für den Umzug eignen würden. Nach den Kriterien "gutes Flugvermögen", "keine zu starke Prägung auf den Menschen" und "mäßige Nagetätigkeit" wurden zunächst 2 Pärchen Weißstirnamazonen ausgewählt. Nachdem auch der Münchener Zoodirektor seine Einwilligung gab, brachten wir die vier am 2. Jänner nach Hellabrunn.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Dort kamen sie zur Eingewöhnung und für einen Gesundheitscheck zunächst in eine Quarantäne-Voliere, die von den Pflegern liebevoll mit frischen Ästen ausgestattet war. Schon bald bestätigte der Amazonenmann Rico unsere Vermutungen - er ist der frechste von allen und somit der Anführer des Quartetts. Sofort verließ er den Transportkäfig und erkundete die Umgebung, kurze Zeit später saß er schon bei der Futterschüssel. Die anderen folgten etwas zögerlich. Am 1. Februar war es dann soweit: die Schleuse wurde geöffnet und die Amazonen konnten direkt aus der Eingewöhnungsvoliere in das Innere des Dschungelzelts fliegen. Rico war der wie erwartet der erste, dann folgte seine Freundin Rositha, und zum Schluß - ganze acht Tage später - Pedro und Maki. Während Rico sich von Anfang an ausschließlich in den Pflanzen aufhielt, zogen es die drei anderen vor, sich das Ganze zunachst von oben anzuschauen. Sie zogen sich so weit nach oben zurück, wie es ging, und saßen direkt unter dem Dach auf den Rohrleitungen und Metallverstrebungen.

Nachrichten aus München

Von Frau Rau wurden wir laufend per email über die aktuellen Ereignisse informiert - so erreichte uns auch diese Nachricht: "Am 12. Februar bekam ich einen gehörigen Schreck, als der Gärtner meldete, ihm sei im Dschungelzelt ein Papagei auf die Schulter geflogen. Bei dem Versuch, ihn mit der Hand wegzuschieben, hatte er ihn in den Finger gebissen. Ich ging nachschauen, und entdeckte Rico auf dem Geländer über dem Wasserfall. Als ich noch etwa 3 Meter von ihm weg war, flog er direkt auf mich zu. Ich duckte mich, worauf er hinter mir im Benjaminficus landete. Wenn er sich so auch gegenuber Besuchern verhalten wurde, konnte das ja heiter werden! Aber glücklicherweise hat sich das seither nicht wiederholt - weder beim Gärtner, noch bei mir, oder gar einem Besucher." Kurze Zeit später: "Seit Freitag sind auch die drei 'Hochflieger' tagsüber in den Pflanzen und an den Futterplätzen zu sehen. Rositha hält sich meist in der Nahe von Maki und Pedro auf, die nach wie vor unzertrennlich sind. Rico findet man meistens in der Nahe der Futterplätze. Langsam fühlen sich die vier Amazonen sichtlich heimisch in ihrer neuen Umgebung."

Rico und die Käsepyramide

Der Clou kam einige Wochen später: Im Dschungelzelt fand eine kleine Veranstaltung statt, bei der es ein ausgiebiges Buffet gab, das auch eine Käsepyramide beinhaltete. Da wartete Rico nicht lange. Im Sturzflug stattete er dem Buffet einen Besuch ab und landete inmitten der Pyramide. Sofort ergriff er ein Stück Hartkäse und begann zu fressen. Einige Gäste versuchten, Rico zu verscheuchen, doch dieser verteidigte seine "Beute" und ließ sich beim seltenen Genuß nicht stören - bis er selbst genug hatte und sich wieder seinem Vogelleben widmete. Seither sind einige Monate vergangen, Zwischenfälle dieser Art kamen bislang nicht mehr vor. Die vier Amazonen sind scheuer geworden und halten sich mit Vorliebe in den meterhohen Gummibäumen auf. Um sie zu entdecken benötigt man Geduld und gute Augen. Auch in die tropische Vogelschar haben sich die Amazonen gut integriert. Nur am Futterplatz gibt es naturgemäß manchmal kleinere Auseinandersetzungen mit Futterkonkurrenten wie dem Grünhelmturako oder dem Graurücken-Trompetervogel. Im wahrsten Sinne beflügelt durch dieses erfolgreiche Experiment beschlossen wir, den Papageienbestand im Dschungelzelt noch etwas aufzustocken. Zuerst sollten es einige Elfenbeinsittiche aus dem Papageienheim sein. Sie sind die Amazonen gewohnt und würden sich ebenfalls rasch zurecht finden. Doch das Nagebedürfnis dieser Art ist so stark, daß wir das, aus einer zweilagigen Spezialfolie bestehende Dach des Zeltes gefährdet sahen. Also entschieden wir uns für zwei im Papageienheim erst kürzlich verpaarte Venezuelaamazonen, die zuvor viele Jahre einzeln beim Menschen gelebt hatten, sowie für unser Lori-Pärchen. Sie sind nun seit Mitte Mai im Zoo. Die Venezuelaamazonen haben die Quarantäne bereits verlassen und sind im Dschungel unterwegs, die Loris folgen demnächst ...