|
Wenns
um Papageien geht
 |
|
(Foto:
Thier)
|
ist man häufig mit Irrtümern und Vorurteilen konfrontiert. Die
Arge Papageienschutz hat einige der meistverbreiteten Fehlmeinungen gesammelt:
1) Wenn
sie zu zweit sind, reden Papageien nicht mehr.
Unrichtig. Papageien, die einmal gelernt haben, die menschliche Stimme
nachzuahmen, verlernen dies nicht. Manche werden durch eine Verpaarung
etwas weniger plaudern, da sie ja jetzt einen Partner haben, mit dem sie
sich in ihrer Sprache unterhalten können, andere aber sprechen gleich
viel oder lernen sogar noch dazu. Es gibt sogar Papageien, die den Anschein
machen, als würden sie in Menschensprache miteinander
reden.
2) Handaufgezogene
Vögel neigen nicht zum Federrupfen.
Stimmt nicht. Die Handaufzucht und Zähmung schützt nicht vor
Verhaltensstörungen. Ganz im Gegenteil. Sobald der Vogel geschlechtsreif
wird, kommt er in einen enormen Konflikt - mit wem soll er eine Paarbindung
eingehen - mit dem Menschen, auf den er fehlgeprägt wurde? Doch dieser
Mensch kann seine Bedürfnisse nicht befriedigen, das Resultat ist
oft gesteigerte Eifersucht und Aggression, auch gegen den eigentlich geliebten
Menschen. Wird der Vogel oft alleine gelassen, richtet er die Aggression
schließlich gegen sich selbst (Autoaggression)- er beginnt, die
Federn zu rupfen, die Haut aufzubeißen, stereotype Bewegungen durchzuführen.
Handaufgezogene Vögel sind aufgrund ihrer Fehlprägung auch schwieriger
zu therapieren. Es kann Jahre dauern, bis sie einen Artgenossen als solchen
akzeptieren.
3) Papageien
wollen gar nicht fliegen, es sind Klettertiere.
Nein! Die vielen verschiedenen Papageienarten (über 350!) haben unterschiedliches
Flugvermögen, dennoch: fast alle legen in der Natur täglich
viele Kilometer zurück, um morgens von ihren Schlafplätzen zu
ihren Nahrungsgründen zu fliegen und abends wieder retour (man nennt
dies einen Tagesgang). Einige Gründe, warum Papageien in Gefangenschaft
weniger fliegen:
- Die Unterbringung
ist zu klein, sie haben nicht genügend Platz.
- Alle interessanten
Dinge, die es zu erreichen gibt, liegen in Kletterweite,
z. B. auf einem Kletterbaum; eine instinktive Kosten-Nutzen-Rechnung
sagt dem Vogel, dass er energetisch günstiger dran ist, wenn er
klettert, da Fliegen mehr Energie kostet.
- Es gibt
keine anderen Landemöglichkeiten im Raum; Großpapageien fliegen
nicht einfach Kreise im Zimmer, Sittiche schon.
- Der Vogel
ist zu dick; dies kommt sehr häufig bei Amazonen vor.
- Der Papagei
ist schon lange nicht geflogen und hat daher keine gut ausgebildete
Flugmuskulatur.
- Der Vogel
ist krank er leidet z. B. an Aspergillose
(Pilzerkrankung der Lungen und Luftsäcke), dadurch hat er Probleme
mit der Atmung, je mehr er sich anstrengt, desto weniger Luft bekommt
er. Also läßt er das Fliegen lieber bleiben.
- Der Vogel
leidet unter einer vielleicht schwer sichtbaren Flügelverletzung
und kann daher nicht fliegen.
- Der Papagei
hat sich die notwendigen Schwung- und/oder Schwanzfedern ausgerupft.
- Die Schwungfedern
sind gestutzt. Auch wenn die
Federn längere Zeit gestutzt waren, kann es sein, dass man dem
Vogel das Fliegen erst wieder beibringen muss (motivieren, Übungen
in Bodennähe etc.).
|
|
|
Jeder
Papagei benötigt täglich Freiflug in der Wohnung
(Foto: Thier)
|
4) Im
Handel bekommt man nur mehr nachgezüchtete Tiere.
Falsch. Bis auf die australischen Arten wie Wellensittich, Nymphensittich
und australische Großsittiche sind regelmäßig auch Wildfänge
im Zootierhandel erhältlich. Und das, obwohl die Familie der Papageien
zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Vogelgruppen gehört
(95 Arten bedroht!). Auch Vögel, die nach Auskunft des Händlers
vom belgischen oder holländischen Großzüchter
stammen, können in Wirklichkeit Wildfänge sein.
5) Wenn
man einen nachgezüchteten Vogel kauft, braucht man kein schlechtes
Gewissen haben.
Leider meist unrichtig. Die Lebensbedingungen der Tiere in Zuchtanlagen
sind sehr oft alles andere als artgerecht.
- Kellerhaltung
ist immer noch üblich, besonders bei lauten Vögeln, die im
Siedlungsgebiet gehalten werden, und wertvollen, bei denen Diebstahlgefahr
besteht.
- Die Einrichtung
der Volieren ist meist spärlich: zwei Sitzstangen, Futter, Wasser,
Nistkasten. Die Vögel sollen durch Beschäftigungsmaterial
nicht abgelenkt werden, argumentieren manche Züchter,
sie sollen lieber züchten.
- Wenn
durchaus harmonierende Paare keinen Fortpflanzungserfolg haben,
werden sie getrennt, auf das Faktum Einehe wird keine Rücksicht
genommen.
- Klimatische
und hygienische Bedingungen sind oft mangelhaft, ebenso die tierärztliche
Betreuung, welche weniger wertvollen Vögeln, wie Wellensittichen
und Unzertrennlichen (Agaporniden) oft gänzlich versagt wird. Hals
umdrehen, Sterben lassen, Entfliegen lassen - immer noch stattfindende
Maßnahmen bei auftretenden Krankheiten.
- Monatelanges
Leben in kleinen Zuchtboxen, das Argument: da züchten sie
besser.
Fazit: Zuchtanlage
vor dem Kauf ansehen! Noch besser: Vögeln ein neues Zuhause geben,
die ihres verloren haben es gibt genug davon.
6) Ein
Vogel, der viele Jahre alleine gelebt hat, akzeptiert keinen Artgenossen
mehr.
Unrichtig. Nicht die Dauer der Einsamkeit sondern die Prägung ist
ausschlaggebend für die Akzeptanz eines Partners. Fehlgeprägte,
handaufgezogene Vögel werden immer den Menschen als Partner bevorzugen,
wenn sie die Wahl haben, während jene, die von den Eltern oder zumindest
mit den Nestgeschwistern im sozialen Verband aufgezogen wurden, ihre Artgenossen
auch nach vielen Jahren noch erkennen und annehmen. Dennoch sind Papageien
sehr wählerisch nicht alle sind einander sympathisch. Oft
sind mehrere Versuche nötig, bis sich ein hamonierendes
Paar findet.
7) Es
ist egal, welche Arten man zusammenbringt.
Leider nicht. Es gibt zwar Freundschaften zwischen verschiedenen Arten,
aber die gibt es auch zwischen Papagei und Hund oder Papagei und Katze.
Eine dauerhafte harmonische Bindung wird ein Vogel, der die Wahl hat,
nur mit einem Artgenossen eingehen (dies ist auch biologisch sinnvoll).
Die Ausnahmen dieser Regel bilden in Gefangenschaft nur verschiedene
Amazonenarten untereinander sowie verschiedene Ara- und Kakaduarten; d.
h. hier erstreckt sich die Bindungsmöglichkeit auf die Gattung. So
etwa kann es sein, dass sich eine Blaustirnamazone mit einer Gelbwangenamazone
verpaart, ein Hellroter Ara mit einem Grünflügelara, etc.
8) Wenn
man sich ein bis zwei Stunden am Tag mit einem Papagei beschäftigt,
kann man ihn auch alleine halten.
Leider ein häufiges Argument der Tierhändler. Tiergerechte Papageienhaltung
sollte jedoch nicht daran gemessen werden, was Papageien gerade
noch aushalten. Für ein intelligentes, soziales, Wesen sind
Einsamkeit und Langeweile die schlimmsten Feinde. Auch mit einem drei-
oder vierjährigen Kind kann man sich nicht nur eine Stunde am Tag
beschäftigen; Papageien stehen auf einem ähnlichen Entwicklungsniveau.
Außerdem sind sie tagaktiv d. h. sie möchten tagsüber
etwas erleben, Abwechslungen und Herausforderungen haben. In der menschenleeren
Wohnung sind sie einer permanenten Reizarmut ausgesetzt. Wenn ihre berufstätigen
Besitzer abends nachhause kommen, sollten die Vögel eigentlich ihre
Nachtruhe antreten. Immer wieder hört man von diesen Besitzern, ihre
Vögel hätten sich umgestellt das mag sein,
aber um welchen Preis? Fast immer zeigen diese Vögel nach einigen
Monaten oder Jahren schwere psychische Schäden, die bis zur Selbstverstümmelung
reichen. Ist unser Egoismus das wert?
9) Ich
kann dem Vogel keine Naturäste und kein Spielzeug geben, er fürchtet
sich vor allem.
Von Natur aus sind Papageien intelligente und daher neugierige Lebewesen.
Doch ständige Reizarmut und immer gleiche Tages- und Handlungsabläufe
sowie eine Umwelt, die sich nie ändert (immer die gleichen Sitzstangen
am gleichen Ort etc.) führen zu Fixierung auf das Alte und Angst
vor Neuem.
Das gilt auch für die Prägung auf bestimmte Futtermittel. Langsame
Umgewöhnungsversuche
(Annäherung eines Naturastes etc.) zeigen nur wenig Erfolg,
die Vögel erweisen sich meist beharrlicher als ihre Besitzer
schon nach kurzer Zeit erlöst man das Tier vom angstmachenden
Spielzeug oder verweigerten Futter. Damit schließt sich der Teufelskreis,
dem Vogel wird immer langweiliger, er wird aufgrund falscher Ernährung
(meist Sonnenblumenkerne und Nüsse) krank und stirbt mitunter einen
frühen Tod.
10) Vögel,
die sich fortpflanzen, sind glücklich.
Eine Irrmeinung, die oft von Züchtern vertreten wird, aber längst
tiergartenbiologisch widerlegt wurde. Die Fortpflanzung
hat mit artgerechter Haltung wenig zu tun, sie ist eine triebgesteuerte
Handlung. Je nach Tierart sind verschiedene Faktoren für eine erfolgreiche
Fortpflanzung ausschlaggebend: Ernährung, klimatische Verhältnisse,
Harmonie zwischen Tierpartnern etc. Andere Parameter wie z. B. adäquate
Unterbringung, Beschäftigungsmaterial, Flugmöglichkeiten und
Hygiene sind zwar für ein erfülltes Vogelleben maßgeblich
(die Bezeichnung glücklich ist sehr anthropogen besetzt),
nicht aber für den Zuchterfolg, schon gar nicht dann, wenn die Eier
den Vögeln ohnehin zur Handaufzucht weggenommen werden. Das heißt,
dem Vogel wird gar nicht die Möglichkeit gegeben, seiner Natur gemäß
auf seine Umweltsituation zu reagieren. Tiere, die in einem beengten Lebensraum
leben müssen, verweigern oft die Aufzucht der Jungen, da sie wissen,
dass auf der zur Verfügung stehenden Fläche nicht mehr Tiere
als sie selbst existieren können.
Weitere
FAQ zur Papageienhaltung
|
|