| Aggressivität
bei Papageien
Aggressives
Verhalten bei Papageien, die in menschlicher Obhut gehalten werden, kann
oft zum Problem werden, zumal gerade große Arten wie Amazonen, Kakadus
oder Aras über eine erhebliche Schnabelkraft verfügen und äußerst
wehrhaft sind.
In der Natur
handelt es sich bei aggressiven Verhaltensmustern fast immer um normale,
durchaus sinnvolle Strategien. In Gefangenschaft ist aggressives Verhalten
oft die Folge falscher Haltungs- und Zuchtbedingungen oder die direkte
Antwort auf menschliches Fehlverhalten.

Von Papageienhaltern
wird Aggression oft unüberlegt als psychopatisch oder krankhaft bewertet.
Dabei bestehen in der Verhaltenforschung durchaus Schwierigkeiten der
Abgrenzung zwischen einer psychischen Störung und dem Normalverhalten.
Die folgenden Ausführungen basieren zu einem großen Teil auf
Werner Lantermann (Verhaltensstörungen bei Papageien, 1998) und auf
Erfahrungen der Arge Papageienschutz.
Lantermann beschreibt vier Formen aggressiven Verhaltens auf die in diesem
Beitrag näher eingegangen werden soll:
1.
Artspezifisches Aggressionsverhalten
Diese Form der Aggression umfasst wichtige Verhaltensabläufe im normalen
Verhaltensrepertoire, wie etwa die Verteidigung von Revier, Nistplatz,
Futter oder des Partners, wobei es oft nur zu einem Droh- und Imponiergehabe
kommt. Bei in Gefangenschaft gehaltenen Papageienpaaren kann dies dazu
führen, dass mit dem Einsetzen der Brutzeit vor allem die Männchen
gegenüber anderen Männchen, aber auch gegenüber dem Pfleger
aggressiv werden.
Kakadu-Männchen
töten ihre Weibchen
Manchmal richtet sich die Aggression auch gegen Weibchen, die dann durch
Demutsgesten zu beschwichtigen versuchen. Bei Kakadumännchen scheinen
diese Demutsgesten oft nicht zu wirken. Besonders bei Gelbhauben- und
Molukkenkakadus kommt es oft vor, dass sie ihre Weibchen in diesen aggressiven
Phasen töten. Oft ist die Brutstimmung (wahrscheinlich bedingt durch
die unnatürliche Lebensweise) der Kakadupartner nicht synchron, das
Männchen kommt meist schon früher in Brutstimmung und hetzt
dann sein Weibchen – mitunter zu Tode. Hier ist größte
Vorsicht geboten. Sobald vom Halter aggressive Tendenzen bei Kakadus festgestellt
werden, müssen die Tiere – zumindest kurzfristig – getrennt
werden, da das Weibchen ernsthaft in Gefahr ist. Die gilt genauso für
Pärchen, die seit mehreren Jahren harmonisch zusammenleben oder sogar
schon gebrütet haben. Schon ein gezielter Schnabelhieb genügt,
um den Partner zu töten oder so schwer zu verletzen, dass er nur
mehr von seinen Leiden erlöst werden kann (z.B. ausgerissene Schnäbel,
ausgehackte Augen).
Schutzkleidung
erforderlich
Amazonen (und hier v.a. die Männchen) attackieren ihre Pfleger besonders
häufig, sodass die Voliere nur mehr mit Schutzkleidung betreten werden
kann. Trotzdem haben wir es hier mit völlig normalem Verhalten zu
tun, da es ja zur Verteidigung des Reviers und der Brut dient. Die Weibchen
sind in der Regel viel weniger aggressiv, zumeist nur bei der eigentlichen
Jungenaufzucht.
Festlegung
der Rangordnung
Artspezifisches Aggressionsverhalten spielt auch bei der Festlegung einer
Rangordnung eine bedeutende Rolle – und dies geschieht natürlich
auch bei der Vergesellschaftung von zwei oder mehreren Vögeln. Meistens
sind Rangordnungskämpfe ritualisiert, es wird gedroht, es kommt zu
Scheinangriffen, Demutsgesten und zur Flucht des unterlegenen Tieres.
Körperliche Schäden sind eher die Ausnahme und auf beengte Haltungsbedingungen
zurückzuführen. Viele Vergesellschaftungen sind schon daran
gescheitert, dass sich der Mensch in die Phase der Rangordnungsfestlegung
eingemischt hat.
2.
Dominanzaggression gegenüber Artgenossen
Ist die Rangordnung einmal festgelegt, kommt es zu einem ganz normalen
Dominanzverhalten innerhalb der Gemeinschaft. In Gefangenschaft, bei begrenzten
Ausweichmöglichkeiten oder zu wenig Futterplätzen, kann dies
durchaus zu massiven sozialen Stresssituationen oder Verletzungen führen,
wenn das rangniedrigere Tier zum Beispiel ständig von der Futterstelle
verdrängt, in den Ruhephasen gestört oder bis zur Erschöpfung
durch die Voliere gejagt wird. In solchen Fällen müssen entweder
die Haltungsbedingungen geändert (auch Langeweile kann zu übersteigertem
Dominanzverhalten führen!) oder die betreffenden Vögel getrennt
werden.

Die Kopffedern gesträubt heisst: nimm dich in Acht!
3.
Aggression gegenüber Jungvögeln
Dieses Verhalten zeigen vor allem Männchen, indem sie die selbständig
gewordenen Jungtiere aus ihrem eigenen (Brut)revier vertreiben. So werden
Nahrungsressourcen gesichert und die Jungen über einen geeigneten
Lebensraum verteilt, um die Fortpflanzungsgemeinschaft zu erhalten. In
Gefangenschaft, bei fehlenden Ausweichmöglichkeiten für die
Jungen, muss der Mensch die Trennung zwischen Alt- und Jungvögeln
übernehmen, sonst kann es bis hin zu tödlichen Verletzungen
der Jungen kommen. Die Gefahr ist dann besonders groß, wenn der
Nistkasten nach Flügge werden der Jungen nicht entfernt wird und
die Elterntiere sofort wieder in Brutstimmung kommen.
4.
Dominanzaggression gegenüber dem Pfleger
Gerade bei einzeln gehaltenen Papageien kommt es natürlich auch zur
Ausbildung einer Rangordnung zwischen dem Vogel, seiner Bezugsperson und
anderen Familienmitgliedern.
Zu Problemen führt dies oft erst mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife
des Vogels: Der Pfleger wird als Partner betrachtet und alle anderen Personen
werden so zwangsläufig zu Rivalen, die im harmlosesten Fall nur misstrauisch
beobachtet oder bedroht werden. Es kann aber so weit kommen, dass jede
andere Person sofort attackiert und auch gebissen wird.
Wenn
Amazonen attackieren
Besonders „besitzergreifend“ sind Amazonen, aber auch Mohrenkopfpapageien,
wobei handaufgezogene Vögel aufgrund ihrer fehlenden angeborenen
Scheu vor dem Menschen extrem aggressiv werden können. Zudem birgt
eine „Ehe“ zwischen Mensch und Vogel für den Vogel ständige
Frustration, da es nie zu einer Paarung kommen kann, so sehr sich der
Papagei auch bemüht. Welcher Besitzer eines zahmen, einzeln gehaltenen
Papageien kennt das unermüdliche Werben um seine Person nicht? Der
aufgestaute Frust des Vogels kann jedoch in Aggression umschlagen, die
dann gegen den menschlichen Partner gerichtet wird. Dies kann plötzlich
und ohne Vorwarnung geschehen und wird vom Papageienbesitzer in der Regel
aus Unwissenheit überhaupt nicht verstanden.
Auch
Tiere brauchen Distanz
Beim Aggressionsverhalten gegenüber Menschen darf auch der Begriff
der „Individualdistanz“ nicht unerwähnt bleiben. Jedes
Tier beansprucht einen gewissen Raum für sich, in dem es ungestört
fressen, schlafen oder einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte.
Wird diese Distanz ständig unterschritten, und sei es nur, um etwa
dauernd andere Leckerbissen zu reichen, kann es nach anfänglichem
Drohen (rasche Pupillenveränderungen, Federspreizen, „knurren“)
auch zum Beißangriff kommen. Im Normalfall zieht sich der Mensch
dann natürlich, zumindest für kurze Zeit zurück, um später
einen neuerlichen Annäherungsversuch zu starten. Wiederholt sich
dieses Spiel oft genug, lernt der Vogel (biol: Lernen durch Erfolg), dass
er Menschen durch aggressives Verhalten auf Distanz halten kann.
Zusammenfassend
kann also festgehalten werden, dass der Ursprung von Aggressivität
fast immer in natürlichen Verhaltensweisen zu finden ist und von
uns Menschen in der Regel fehlgedeutet wird. Diese für uns unangenehme
und „verrückt“ wirkenden Verhaltensweisen zeigen uns
auch, dass wir es bei Papageien immer noch mit Wildvögeln und nicht
mit domestizierten Haustieren zu tun haben.
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