Aras, Nüsse und das Netz des Lebens
Ökologische Zusammenhänge am Beispiel von tropischen „Nutzpflanzen“ der Aras


Der Paranussbaum: ein Urwaldriese
(Foto: Raintree Nutrition, Inc.)

Hier soll von zwei Bäumen die Rede sein, die im natürlichen, wilden Leben mancher Aras eine gewisse (durchaus unterschiedliche!) Bedeutung haben, mittlerweile aber leider bedroht sind. Dabei sollen auch schlaglichtartig einige Maschen des Netzes an ökologischen Beziehungen sichtbar werden, dem diese prächtigen Vögel eigentlich entstammen.

Weihnachtsnuss aus dem Urwald
Vorwiegend in der kalten Jahreszeit werden bei uns neben anderen exotischen Knabbereien auch Paranüsse angeboten; die wenigsten Käufer aber wissen wohl, was die Paranüsse von allen anderen unterscheidet: sie sind Früchte wilder Urwaldbäume!
Beheimatet ist die Paranuss (Bertholletia excelsa) in den tropischen Urwäldern des Amazonasgebietes, wir finden sie hauptsächlich in Brasilien, Bolivien und Peru. Die prächtigen Bäume gehören dort zu den Urwaldriesen, die bis über 50 m hoch werden und Umfänge von bis zu 16m erreichen. Nach der Blüte reifen die runden Früchte von der Größe einer Grapefruit heran. Im Inneren einer dicken, sehr festen Fruchthülle befinden sich ca. 10 bis 25 hartschalige Samen („Nüsse“), die überaus reich an Eiweißen und Ölen sind.


geöffnete Frucht des Paranussbaumes

Die Jäger der Weihnachtsnuss: Aras, ein Nagetier...
Nur solange die Frucht noch nicht ausgereift ist, haben die großen Aras im Gebiet (Gelbbrustara, Hellroter Ara, Dunkelroter Ara) eine Chance, durch die ledrige Schale an die nahrhaften Samen heranzukommen. Mit der Reife werden die Früchte selbst für die kräftigen Schnäbel der Aras undurchdringlich!
Mit den reifen Früchten kann es nur noch das Aguti, ein ca. 3 kg schweres Nagetier, aufnehmen. Das Aguti verzehrt aber nur einen Teil der Samen sofort – die restlichen versteckt es an geschützten Stellen des Urwaldbodens... (Die leeren Fruchtschalen sind übrigens Kleinlebensräume für Spezialisten: mehrere Insektenarten, eine Frosch- und eine Krötenart nutzen ausschließlich die leeren Schalen der Paranuss als Brutstätten!
Das Aguti spielt so, freilich ohne es zu wissen, für das Überleben der Paranuss eine zentrale Rolle: denn nur einen Teil der versteckten Samen holt es auch wieder aus dem Boden: aus „Vergesslichkeit“ oder weil es selbst stirbt, bevor es das tun kann. Ein Teil der „vergessenen“ Samen keimt und wächst zu neuen Paranussbäumen heran...

... und ein „Zweibeiner ohne Federn“
Auch der Mensch nutzt die Paranuss. Sobald die Früchte gereift sind, ziehen die einheimischen Sammler (castañeros) aus, um sie vom Boden des Regenwaldes aufzusammeln. Sie spalten die Früchte, trocknen die Samen an der Sonne und verkaufen sie dann an Händler weiter... Allein aus Brasilien werden jährlich ca. 45000 Tonnen im Wert von 33 Mio. Dollar exportiert, und viele Einheimische bestreiten zumindest zum Teil ihren Lebensunterhalt vom Erlös der von ihnen gesammelten Paranüsse.
Wissenschaftler aber warnen schon seit einiger Zeit vor einem drohenden Rückgang der Paranussbäume. Zum einen wird zu intensiv gesammelt: zu wenige Früchte verbleiben auf dem Urwaldboden, um dort neuen Nachwuchs zu begründen. Zum anderen aber ist die Paranuss an das Bestehen von ursprünglichen, primären Regenwäldern gebunden: der Fruchtansatz von künstlich gepflanzten Bäume ist so spärlich, dass sich die Nutzung als unökonomisch erweist. Die plantagenmäßige Kultivierung ist also keine Lösung. Der Grund: die Paranussbäume benötigen zur effizienten Bestäubung spezielle Bienenarten; diese aber finden aber nur im natürlichen Urwald die benötigten Lebensbedingungen vor!
Fazit: die Natur erlaubt es in diesem Fall nicht, Zusammengehöriges auseinanderzureissen; die Paranuss kann ihren Zyklus der Reproduktion nur mit Hilfe ihrer bevorzugten Bestäuber (Bienen) und Verbreiter (Agutis) vollenden, sie ist Teil des Regenwaldökosystems und kann ohne ihn nicht weiterbestehen. Will man also die Paranuss, und mit ihr eine Einkommensquelle für viele Einheimische, erhalten, kommt man um den Schutz des Regenwaldes als Ganzes nicht vorbei. Und von seinem Schutz „profitieren“ natürlich nicht nur die Paranussbäume, sondern die ganze unfassliche Vielfalt an Lebensformen, die den Regenwald ausmacht – unter anderem die genannten Aras...

Diese Erkenntnisse setzen sich zunehmend durch, und mittlerweile gibt es (zumindest in Peru) auch von Regierungsseite unterstützte Bestrebungen, auf eine nachhaltige Nutzung der Paranuss umzustellen.


Auch ein Riese der Almendrobaum

( Foto: Jerome Chave, Université Raul Sabatier)

Der Große Soldatenara und der Almendrobaum
Anders als die oben beschriebene Beziehung ist die zwischen dem Großen Soldatenara (Ara ambigua) und dem Almendrobaum (Dipteryx panamensis) sehr eng. Der Soldatenara gehört zu den stark gefährdeten Arten. Die heutigen Vorkommen von Ekuador bis Nicaragua stellen nur mehr kümmerliche Reste der ehemaligen dar. Die hauptsächlichen Ursachen für sein erschreckendes Schwinden sind Fang für den Handel, Bejagung und v. a. die Zerstörung seines Lebensraumes. Wie auch vielen anderen Lebewesen wird dem Soldatenara seine Bindung an die tropischen Wälder zum Verhängnis: zwischen 1986 und 1992 allein wurden z.B. 35% des costaricanischen Verbreitungsgebietes abgeholzt. Im Leben dieses grünen Aras spielt der hauptsächlich in den Tieflands(regen)wäldern bis 50 m hoch aufragende „Almendro“ (von span. almendra = Mandel, wegen der mandelähnlichen Früchte) eine zentrale Rolle: als Wohnbaum, in dem die Aras ihre Bruthöhlen anlegen, aber auch als eine der wichtigsten Futterquellen. Die ganze Lebensrhythmik der Soldatenaras ist weitgehend auf den Almendro abgestimmt. Die Eiablage erfolgt im späten Januar. Damit fallen die gesamte Brutzeit und der Beginn der Jungenaufzucht in die Hauptfruchtzeit des Almendro, die sich bis März erstreckt, wonach er als Futterspender vom Titorbaum (Sacoglottis trichogyna) abgelöst wird. Sobald das Gesamtfutterangebot zurückgeht, zieht ein Großteil der Aras in angrenzende, höher gelegene und trockenere Gebiete.
1993 wurde das Projekt „Lapa Verde“ ins Leben gerufen: es versucht, ein Schutzprogramm auf wissenschaftlicher Basis zu entwickeln und zu bewerben. Erst nachdem wertvolle Erkenntnisse über den ungefähren Stand der Populationen und deren Wanderbewegungen gewonnen waren, konnte ein sinnvolles Schutzkonzept vorgeschlagen werden: die Schaffung eines überregionalen Schutzgebietes in Costa Rica und Nicaragua, das die wichtigsten saisonalen Verbreitungszentren des Soldatenaras, damit aber auch einen Großteil der Artenvielfalt des gesamten Gebietes umfasst. Denn klar ist, dass dieser Vogel nur dann überleben wird, wenn auch sein Lebensraum erhalten bleibt: der Regenwald


Mandelähnlich: die Früchte des Almdrobaumes
(Foto: Mark L. Stafford, Parrots international)

Beide Fälle zeigen, wie sehr Tiere und Pflanzen im Zusammenhang zu sehen sind. Mit dem Untergang der Almendrowälder wäre auch das Schicksal des Soldatenaras besiegelt. Die Beziehung zwischen dem Paranussbaum und verschiedenen Großpapageien hingegen scheint auf den ersten Blick lose. Dennoch aber sind auch ihre Schicksale, wenn auch auf weniger direktem Wege, innig miteinander verknüpft: dadurch, dass sie Teile derselben Lebensräume sind!

A) Quellen zum Soldatenara:
1) http://www.worldparrottrust.org/wpt12/greatgreenmacaw.htm
2) Empfehlenswerter Film: Universum: Almendro – Der Baum des Lebens

B) Quellen zur Paranuss: Brazil Nut Homepage der Amazon Conservation Association (mit guten Bildern): http://www.bertholletia.org/bertholletia/gallery/gallery.html