| Vom
Handel mit Vögeln – Ansichten und Einsichten
Unter
dem Titel „Vögel im Zoofachhandel – Trendwende in Sicht?“
brachte der „Zoologische Zentralanzeiger“ (Fachzeitschrift
der deutschen Zoofachhändler) im November 04 ein Schwerpunktthema
Vogelhandel.
|
Keinesfalls
tiergerecht – die neuesten Käfigmodelle, gesehen bei
der Interzoo, der internationalen Zoofachmesse in Nürnberg
2004 |
Der
„Sortimentsbereich Vögel“ war im September 2004 der einzige,
bei dem die Umsätze nicht – wie in allen anderen Bereichen
– stagnierten, sondern sogar rückläufig waren. Um den
Ursachen dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen, startete der „Zoologische
Zentralanzeiger“ eine Umfrage in der Branche. Die Meinungen von
Vogelhändlern und Zuchtvereinen werden im oben genannten Artikel
wiedergegeben und sollen im folgenden Text kommentiert werden.
Drastischer
Rückgang beim Vogelverkauf
Vogelhändler Heinz Marche bezeichnet die Rückgänge der
Vogelverkäufe als „drastisch“ und stellt fest, dass viele
Händler aufgrund der aufwändigen Pflege gar keine Tiere mehr
hätten. Aus der Sicht des Papageienschutzes eine sehr positive Entwicklung.
Für Heinz Marche ein negativer Trend, dessen Ursachen scheinbar in
der Aufklärungsarbeit der Tierschützer liegen: „Manche
,Tierschützer‘, so Marche, „haben den ,armen Vogel‘
zu ihrem Interessensmittelpunkt erklärt und erzeugen bewusst Mitleid
erregende Szenarien wie ,der eingesperrte, kleine Vogel‘ oder ,das
unschuldige Tier im Gefängnis‘. Da wundert es mich nicht, wenn
keiner mehr Vögel kaufen will.“ Eine Aussage, auf die man von
Seiten des Papageienschutzes wohl reagieren muss, denn sie erweckt den
Eindruck, Tierschutz sei ein Hobby, dem man sich aus „Spaß
an der Sache“ widmet. In der Praxis ist Tierschutz jedoch eine notwendige
Reaktion denkender und fühlender Menschen auf Tierleid.
Tierleid
– die Verursacher
Tierleid wird in unserer Gesellschaft von jenen Menschen verursacht, die
Tiere immer noch als Ware behandeln
und ihnen jede Leidensfähigkeit absprechen. Dazu gehören jene
Zootierhändler, die Papageien – oft jahrelang – in engen
Käfigen ohne Beschäftigung und ohne (oder mit ständig wechselnden)
Artgenossen präsentieren. Es sind Menschen wie Sie und ich, die an
diesen Geschäften vorübergehen und die das Leid (und die Leidensfähigkeit)
dieser Mitgeschöpfe erkennen und irgendwann nicht mehr mitansehen
wollen. Ein großer Anteil der Tiere wird dann aus Mitleid (frei)gekauft.
Die von Marche erwähnten „Mitleid erregenden Szenarien“
werden also nicht von „Tierschützern
erzeugt“, sondern ereignen sich beim Import, im Zoohandel, bei Vogelbörsen
und in so mancher (öffentlichen)
Privathaltung. Mit diesen Problemen sind wir von Seiten des Papageienschutzes
seit zehn Jahren konfrontiert.
Das
Tier als Ware
Menschen werden weder als Tierschützer noch als Tierhändler
geboren. Doch irgendwann muss jeder, der
mit dem Thema Tiere konfrontiert wird, eine Entscheidung treffen: Ist
das Tier eine Ware, die nur der Befriedigung unserer Bedürfnisse
nach Nahrung, Kleidung, Streichelobjekt und Unterhaltung dienen soll,
oder hat das Tier ebenso wie wir ein Recht auf ein artgemäßes
Leben in Freiheit?
|
Keinesfalls
tiergerecht – die neuesten Käfigmodelle, gesehen bei
der Interzoo, der internationalen Zoofachmesse in Nürnberg
2004 |
Der
Vogelhandel aus der Sicht des Züchters
Auch Dr. Ernst Günther von der Vereinigung für Zucht und Erhalt
einheimischer und fremdländischer Vögel,
VZE, Leipzig, musste erkennen, dass die allgemeine Kritik an den Haltungsbedingungen
ihre Wirkung hinterlassen
hat. Die dennoch stattfindende „explosionsartige Zunahme der Vogelbörsen“
sieht er als „reine Verzweiflungstat“, um vorhandene „Nachzuchten
absetzen“ und „Geld in die strapazierten Kassen“ zu
holen. Hier stellt sich für mich die Frage, ob die Bezeichnung „Hobbyzucht“
noch gerechtfertigt ist. Selbst Dr. Günther meint: „Ursprünglich
waren die Börsen
ein Treffen von Züchtern, um sich auszutauschen. Dies wird inzwischen
von manchen unterlaufen; zum Teil
präsentieren sie ihre Vögel unter katastrophalen Bedingungen“.
Wieder ein Beweis dafür, dass das schlechte Image mancher Züchter
und Händler
hausgemacht ist. Günther meint, man könne den
Markt mit „neuen Käfigen, die nicht den Gefängnischarakter
besitzen“ ankurbeln. „Die geruchssicher sind, die aber auch
das Zwitschern durchlassen sollten“. Nun, in all den Jahren unserer
Arbeit war wohl der Geruch das geringste Problem in der Vogelhaltung,
während das „Zwitschern“, sofern
wir es mit Papageien zu tun haben, sehr wohl zu Problemen führen
kann. Generell birgt diese Aussage
die Gefahr in sich, unsere Heimtiere noch weiter „zurechtzustutzen“,
damit sie unseren Ansprüchen gerecht werden. Werden jedoch die Bedürfnisse
der Tiere berücksichtigt, so ist die Entwicklung weg von den Käfigen
hin zu großzügigen Volieren sehr zu
begrüßen.
„XXXL-Auswahl“ beim Vogelkauf?
Der Großteil der im Artikel interviewten Personen plädiert
für ein breites Spektrum angebotener Arten und dies
womöglich in großen Volieren. Denn, so Marche, „die Kunden
von heute sind zu verwöhnt. Sie kennen aus
ihren Supermärkten die große Auswahl und verlangen dies auch
im Zoofachhandel. Das klingt zwar nicht allzu
tierbezogen, ist aber Realität“. Erschütternd, meinen
wir, wenn es wirklich so ist. Genau die Supermarkt- Mentalität ist
es, die den anspruchsvollen Tieren zum Verhängnis wird. Und was haben
wir am Ende von einer großen Auswahl, wenn nur ein Bruchteil der
Arten für eine Haltung geeignet ist? Wir machen uns doch nur selbst
etwas vor und irgendwann müssen wir erkennen, dass auch die Vogelhaltung
ihre Grenzen hat. Wäre es nicht eine größere Herausforderung,
die vorhandenen Arten tiergerecht zu halten und verträgliche Tiere
zu vergesellschaften? Ein vergnügter kleiner Vogelschwarm –
es dürfen durchaus Wellensittiche sein
– in einer gut strukturierten, großen Voliere macht auf Dauer
sicher mehr Freude als ein seltener Exote, dessen
Ansprüche wir teilweise gar nicht kennen.
|