Soziale Bindungen bei Graupapageien


Das Gruppenverhalten der Grauen war Thema einer Diplomarbeit

Im Rahmen einer Diplomarbeit wurde eine Gruppe von dreizehn Graupapageien beobachtet, die eine Zeit lang in einer reich ausgestatteten Voliere in der Abteilung für Ethologie im Biozentrum Althanstraße, Wien lebten.

Hier die Zusammenfassung der Diplomarbeit von Mag. Elisabeth Zeppetzauer: Diese Gruppe bestand aus sechs männlichen und sieben weiblichen Individuen unterschiedlichen Alters und Herkunft. Die meisten der Vögel wurden vor ihrer Integration in die Gruppe alleine gehalten. Sieben Papageien waren ursprünglich Wildfänge aus Äquatorialafrika, die den Transport in unsere Breiten überlebt hatten. Im Jahr 1999 hatte die Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz diese Papageien übernommen und sie miteinander vergesellschaftet.

Soziale Bindungen
Graupapageien haben ein sehr komplexes Sozialverhalten und neigen dazu, Paarbindungen zu bilden, die oft über mehrere Jahre, vielleicht bis zu lebenslanger Monogamie aufrecht erhalten werden (De Grahl 1987). Um innerhalb der Beobachtungsgruppe soziale Bindungen definieren zu können, wurden Sozialverhalten, räumliche Nähe sowie gemeinsame Futterstellennutzung individuell mittels Aufzeichnungsprotokollen dokumentiert und miteinander verglichen. Dadurch konnte ich feststellen, zwischen welchen Vögeln Bindungen vorlagen. Es stellte sich heraus, dass die Bindungen an Intensität variierten. Viele Vögel hatten zu anderen freundlichen Schnabelkontakt, aber nur bei wenigen konnten Verhaltensweisen wie gegenseitiges Füttern, Kraulen oder gar Balzen beobachtet werden, was d
arauf hindeutete, dass Graupapageien bezüglich der Partnerwahl sehr wählerisch sind (De Grahl 1987, Lantermann 1990, 1998, Wolterer 1991, Luft 1994). Ich stufte die Paare daher abhängig von der Ausprägungsstärke dieser sozialen Bindungen ein und untersuchte im Weiteren Zusammenhänge mit der generellen Tagesaktivität sowie Dominanzstrukturen innerhalb der Gruppe.
Ebenso wurde geprüft, inwieweit freundliche Beziehungen die Stressbelastung und die Immunkompetenz der betroffenen Individuen beeinflussen können. Hierfür wurden neben der Bestimmung der fäkalen Corticosteronausscheidung (Corticosteron entspricht dem menschlichen Cortisol und ist ein Hormon, das mit Stress in Zusammenhang gebracht wird) die Bakterienzusammensetzung im Kot
mittels Gramfärbung analysiert und der Gefiederzustand der Beobachtungstiere während der gesamten Beobachtungszeit dokumentiert.

Bindung macht stark
Ich bin u. a. zu folgenden Ergebnissen gekommen: Vögel mit Bindungspräferenzen zeigten eine verstärkte Raumnutzung und eine generell erhöhte Aktivität. Bezüglich der fäkalen Corticosteronkonzentrationen
konnte festgestellt werden, dass Vögel mit ausgeprägten sozialen Bindungen einerseits deutlich niedrigere Werte und andererseits stabilere Ausschüttungsmuster aufwiesen (Abb. 1). Mit Stabilität ist gemeint, dass die gemessenen Konzentrationen innerhalb der Beobachtungszeit ähnliche Werte aufwiesen, also einer geringen Fluktuation unterworfen waren. Diese Ergebnisse deckten sich mit denen anderer Untersuchungen bei verschiedenen sozialen Tierarten, die ebenso zu dem Schluss gekommen sind, dass der Austausch freundlicher Verhaltensweisen
sowie eine vorliegende Partnerschaft stressreduzierend wirkten (Kotrschal et al. 1996, Sachser et al. 1998, De Vries et al. 2003).
Obwohl keine Nistmöglichkeiten gegeben waren, konnten bei mehreren Tieren Bindungspräferenzen beobachtet werden. Das deutete darauf hin, dass Graupapageien monogame, länger andauernde Gemeinschaften eingehen, die auch außerhalb der Reproduktionszeiten
aufrecht erhalten werden. Auch Vögel, die jahrelang isoliert gehalten worden waren, konnten sich in das Sozialgefüge integrieren
und arteigene Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen.

Phänomen Federrupfen
Bezüglich des Gefiederzustandes konnten in dieser Studie keine eindeutigen Parallelen zu gegebenen sozialen Bindungen festgestellt werden, was darauf hindeutet, dass es sich beim Fehlverhalten des Federrupfens um ein äußerst komplexes Phänomen handelt (Lantermann 1998). Dennoch stellten drei Vögel ab dem Zeitpunkt ihrer Integration in die Gruppe das Rupfverhalten ein. Die genaue Ursache dieser Verhaltensstörung ist nicht bekannt, dennoch ist die menschliche „Obhut“ ausschlaggebend für ihr Auftreten (Davis 1991, Lantermann 1998). Unzureichende Haltungsbedingungen (Käfiggröße, mangelnde Luftfeuchtigkeit, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten, Fehlernährung) sowie plötzliche Umgebungsänderungen werden bei selbst rupfenden Papageien immer wieder gefunden (Lantermann 1998). Weiters wird häufig das ausgeprägte Sozialverhalten der meisten Papageienarten in Gefangenschaft nicht berücksichtigt.

Artgerechte Gruppenhaltung
Diese Ergebnisse sollten zu Konsequenzen bezüglich der Haltungsvorschriften führen. Eine paarweise Haltung oder im Idealfall die Haltung in einer mehr oder weniger großen, gemischtgeschlechtlichen Gruppe ist der Einzelhaltung von Graupapageien in Gefangenschaft vorzuziehen, um Verhaltensstörungen zu vermeiden und eine artgerechtere Lebenssituation zu schaffen.

Mag. Elisabeth Zeppetzauer Kontakt: probioticum@web.de

Literaturangaben:

  • DAVIS, C. S. (1991): Parrot psychology and behaviour problems. The Veterinary Clinics of North America. Small Animal Practice, 21(6): 1281–1288.
  • DE GRAHL, W. (1987): Der Graupapagei. Stuttgart Verlag.
  • DE VRIES, A. C., GLASPER, E. R. & C. E. DETILLION (2003): Social modulation of stress responses. Physiology & Behaviour,
    79(3): 399–407.
  • KOTRSCHAL, K., HIRSCHENHAUSER, K. & E. MÖSTL (1998): The relationship between social stress and dominance is seasonal
    in greylag geese. Animal Behaviour, 55: 171–176.
  • LANTERMANN, W. (1990): Großpapageien – Wesen, Verhalten, Bedürfnisse. Franckh-Kosmos, Stuttgart.
  • LANTERMANN, W. (1998): Verhaltensstörungen bei Papageien. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart.
  • LUFT, S. (1994): Der Graupapagei: Lebensweise, artgerechte Haltung und Zucht. Augsburg: Naturbuch-Verlag.
  • SACHSER, N., DÜRSCHLAG, M. & D. HIRZEL (1998): Social Relationships and the Management of Stress. Psychoneuroendocrinology, 23(8): 891–904.
  • WOLTERER, A. (1991): Der Graupapagei. 4. Auflage. Gräfe und
    Unzer, München.
zurück zum Newsletter 1/2006