Neue Lebensqualität nach Operation

Über 12 Jahre musste Gelbbrustara Chiara mit einem unbehandelten Beinbruch leben (siehe Papageien-News 2/06). Die Arge Papageienschutz ermöglichte ihr nach der Beschlagnahme eine komplizierte Operation, die ihr Lebensfreude und Beweglichkeit zurückgab. Der behandelnde Tierarzt Volker Harra berichtet:

Im Juli 2006 wurde ich von der Arge Papageienschutz durch Frau Mag. Ziegler informiert, dass im Laufe des Tages ein beschlagnahmtes Ara-Pärchen zu uns an die Klinik zu einer Untersuchung kommen würde. Die beiden Tiere stammten aus einer Innsbrucker Gärtnerei, wo sie unter sehr schlechten Bedingungen gehalten worden waren. Abends kamen die beiden Vögel bei mir an und wurden komplett untersucht und kontrolliert.

Erschütternde Diagnose
Neben vielen klassischen Verletzungen/ Krankheiten und Verhaltensänderungen/ Störungen, bedingt durch die schlechte Haltung, war die erste Blickdiagnostik bei der Ara-Henne erschütternd. Sie konnte den rechten Fuß kaum bis gar nicht verwenden und klammerte bzw. griff nur mit dem linken Bein. Das Röntgen unter Kurznarkose mit Isoflouran, um dem Tier noch zusätzlichen Stress und Schmerz zu ersparen, brachte dann die Wahrheit an den Tag:
Im rechten Fuß war eine Verkrümmung des Unterschenkelknochens (= Tibia) zu sehen. Dadurch
kam es zu einer massiven Fehlrotation der Tibia, und Chiara (diesen hübschen Namen bekam die Henne von der ARGE) konnte aus eben diesem Grund ihr rechtes Bein und auch die Zehen in keiner Weise verwenden. Der
Verdacht lag nahe, dass es sich dabei um eine alte, nicht behandelte Fraktur (Bruch) des Knochens handelte. Dadurch war auch ihr natürliches Verhalten, wie eben das Klettern, das Kopfüberbaumeln an beiden Füßen, das
Halten einer einfachen Nuss zum Zerbeißen, usw. für Chiara nicht möglich.

Dringende Operation
In einem Telefonat mit Frau Mag. Ziegler waren wir uns einig, dass dies korrigiert werden sollte.
Nach langem hin und her mit den Behörden, bekam ich dann einige Wochen später die offizielle Anordnung
des Amtstierarztes aus Innsbruck sowie der zuständigen Behörden, eine so genannte Korrekturosteosynthese
bei Chiara machen zu dürfen: Ziel dabei ist es, unter kontrollierten Bedingungen den Knochen erneut zu brechen, um diesen dann korrekt und mit richtiger Achse wieder zusammen zu setzen. Bei Chiara eine etwas
heikle Aufgabe…
Am 18. September 2006 wurde die Aradame zu mir in die Klinik gebracht. Nach einer speziellen Schmerzbehandlung, um in weiterer Folge so wenig Schmerzen wie möglich zu haben, wurde Chiara in Narkose gelegt. Wie immer wurde das OP-Gebiet – in
diesem Fall der gesamte rechte Unterschenkel – gesäubert, von Federn befreit und dann in weiterer Folge
komplett und gründlich desinfiziert.


(1)

Der Knochen muss nochmals gebrochen werden
Mein Ziel war es, so wie oben beschrieben, den komplett verbogenen und schief zusammengewachsenen Knochen (Fotos 1+2) noch einmal zu brechen und dann korrekt zusammenzu setzen.


(2)

Der OP-Zugang erfolgte von der Seite (lateral) und vorsichtig wurde mittels Lupenbrille jede Schicht gelöst. Ich musste den Unterschenkel im Bereich der Biegung komplett freilegen und durfte dabei so wenig wie möglich
Bändern, Blutgefäße als auch Nerven verletzen. Bei den massiven Verklebungen im Bereich der alten Fraktur
dauerte dies eben ein bisschen. In weiterer Folge wurde die Biegung komplett freigelegt, bis nur noch die
Tibia zu sehen war und keine Verklebungen der Sehnen/Muskeln an der Tibia hafteten. Danach wurde die
Stelle, an welcher der Knochen neu gebrochen werden sollte, vermessen und an diesen Punkten vorsichtig angesägt. Dies musste wegen des kleinen Platzangebotes sehr vorsichtig geschehen, um kein umliegendes Gewebe zu schädigen. Der Knochen
wurde also knapp oberhalb und knapp unterhalb der Verbiegung angesägt, aber nicht durchgesägt. Als der Knochen fast durch war, wurde die letzte Schicht vorsichtig gebrochen. Dies geschah aus dem Grund,
dass die gebrochene Knochenfläche im Vergleich zu einer glatt gesägten Fläche besser und auch schneller verheilt. Das mittlere Stück (die Biegung), wurde entfernt und das proximale als auch das distale Knochenstück der Tibia wurde zusammengesetzt
und zusammengepasst. Als die Bruchenden nun exakt zueinander passten, wurde die Fraktur mittels einer
kombinierten Osteosynthesetechnik stabilisiert: Diese wird „Fixature externe et interne“ genannt. Eine Methode, die ich sehr gerne bei komplizierten
Brüchen verwende. Dabei wird der Knochen quasi mit einem Nagel aufgefädelt, also in den Markraum des Knochens ein Nagel (= Fixateur interne) eingebracht (Foto 3) und in weiterer Folge ein oder mehrere Nägel
quer durch den Knochen eingebracht, um die Achsen des Knochen in jeder Richtung zu stabilisieren. Immerhin sollte der Fixateur ja dem Schnabel und dem Gewicht eines Aras standhalten. Der Marknagel wird am Kniegelenk wieder ausgefädelt, umgebogen und mit dem Quernagel an der
Ferse verbunden und in weiterer Folge
mittels eines Spezialklebers (Technovit) als Schiene lateral, also seitlich am Knochen verklebt. Vorher aber
wurde die OP-Wunde sowie die gesamten Muskeln und Sehnen wieder vorsichtig adaptiert und zusammengenäht
und die Haut verschlossen. Um weiteren Schwellungen vorzubeugen, wurde schon während der OP eine Laserbehandlung und mehrfach eine Behandlung mit Cool Bags zur Kühlung und Linderung der postoperativen
Schwellung gemacht.


(3)

Chiara zerlegt zwei Verbände pro Tag
Nach einem Kontrollröntgen, ob sich an der korrekten Lagerung der Bruchenden nichts geändert hat, wurde seitlich am Knochen nun noch die Schiene geklebt. Danach durfte Chiara aufwachen. Die ersten Stunden
waren für Chiara und für uns als betreuende Tierärzte/Tierpflegerinnen sehr schwierig, weil Chiara permanent die Schiene zerbeißen wollte, weil sie trotz der Schmerzmedikamente natürlich Schmerzen hatte, der Fuß geschwollen war und sie ein lästiges Ding, eben den Fixateur an ihrem rechten Unterschenkel spürte. Wir bastelten einfach eine weichen Verband, den Chiara 2x täglich zerfledderte und von uns erneuert wurde, damit sie beschäftig war und die Schiene in Ruhe ließ. Drei Tage später konnte Chiara bereits in ihr neues Zuhause bei Frau
Pilz zurückkehren, weil sich die Wund/Fußschwellung bedeutend beruhigt hatte, und Chiara die Schiene beinahe nicht mehr beachtete.

Viele Kontrollen nötig
Bei mehreren Kontrollen wurde die Heilung im Frakturbereich der rechten Tibia immer wieder kontrolliert. Dabei war ein wunderschöner Kallus (Reparaturgewebe bei Knochenbrüchen) als auch eine sehr schöne Kallusmanschette an den Verlaufsröntgen zu beobachten. Chiara begann auch schön langsam, ihren rechten Fuß immer mehr zu verwenden, aber auch dies
musste sie erst mühsam lernen.

Nach sieben Wochen wird der Fixateur entfernt
Anfang November war es dann soweit: der Fixateur konnte endlich entfernt werden, weil am Kontrollröntgen
eindeutig zu sehen war, dass der Frakturbereich komplett durchgebaut, also verheilt war. Chiara durfte wieder ohne Behinderung klettern! Trotzdem wurde beinahe monatlich ein Röntgen gemacht, und Frau Pilz scheute nie den Weg, um zu jedem Termin zu erscheinen. Immer besser wurden die Bewegungen und Greifbewegungen mit dem operierten Fuß. Frau Pilz machte – nach Unterweisungen durch uns – mit Chiara regelrecht Turn- und Greifübungen, damit diese wieder
lernte, den rechten Fuß samt Zehen zu benützen.


(4)

Chiara kann ihr Bein wieder bewegen
Beim letzten Kontrollröntgen Anfang Februar sieht man einen komplett verheilten Unterschenkel (Foto 4). Mittlerweile kann Chiara auch ohne Probleme wieder mit dem rechten Fuß eine gute, leckere Nuss halten,
aufknacken und fressen …

Dank Tierarzt Harra und der Tierklinik Stadlau kann Chiara ihr Bein heute wieder benützen. Zu dem Menschen, der der Aradame zwölf Jahre die Behandlung verweigerte, muss sie nie wieder zurückkehren. Die Arge Papageienschutz dankt den Behörden für ihr Einschreiten in diesem Fall und der Tierklinik Stadlau für die grandiose Leistung!
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