| Auf der Suche nach Nestern
der Bahama Amazone
Bahamas – weiße Strände, türkise Buchten und bunte Korallenriffen – am besten von einer Hängematte aus genossen – so stellen wir uns die Karibik-Idylle vor. Nach dreieinhalb Monaten Nestersuche auf Great Inagua, der südlichsten der 700 Inseln zählenden Inselgruppe, kann ich nun etwas mehr über die Bahamas berichten als man so im allgemeinen in Hochglanzmagazinen erfährt.
Die Idylle endet oft gleich hinter dem Strand, wo eine dichte, dornenreiche Vegetation auf scharfkantigem Korallenkalk ein Durchkommen beinahe unmöglich macht.
Auszug aus einer Email an meine Freunde vom 28.4.2007: „Slalomlaufen durch den „Coppicewald“ – das könnte man als neue Sportart auf den Bahamas etablieren. Bei uns gehört es meist zur Tagesaktivität, denn es ist die einzige Möglichkeit, sich durch die teils dichte Vegetation durchzuboxen. Wir sind schon recht fit, wenn auch übersät mit blauen Flecken auf den Beinen; eine Schutzausrüs¬tung wäre angebracht. „Coppice“ deshalb, weil die Bäume „ge-coppiced“, also gestutzt aussehen, d. h. krummwüchsig sind (siehe Bild oben). Es gibt hier auch einen „Bonsai-Wald“, wo einige Baum¬arten in Miniaturversion vorkommen, v.a. dort, wo der Wind viel salzhältige Luft an Land bläst“.
Man freut sich, wenn man auf einen Eselspfad trifft, und diese sind zum Glück nicht selten, leben auf Great Inagua doch mehr Esel als Menschen. Die Menschen, knapp 1000 Einwohner, konzentrieren sich auf Matthew Town, die einzige Stadt der Insel, sonst dominieren an die 80.000 Flamingos, tausende verwilderte Esel sowie etwa 5000 Bahama Amazonen das Inselleben.
Wie findet man ein Papageiennest?
… und warum will man es überhaupt finden? Die Bahama Amazone (Amazona leucocephala bahamensis), eine Unterart der Kubaamazone, ist heute nur noch auf zwei Inseln der Bahamas anzutreffen, Abaco im Norden der Inselgruppe und Great Inagua im Süden der etwa 500 km langen Inselkette. Genetische Analysen deuten darauf hin, dass es sich bei diesen beiden Populationen um zwei getrennte Unterarten handelt. Die Papageien auf Abaco sind die einzigen Papageien der westlichen Hemisphäre, die in Bodennestern brüten. Sie zählen nur mehr rund 2600 Individuen und gelten als bedroht (Status „vulnerable“ in der Roten Liste der bedrohten Tierarten). Wirbelstürme, Waldbrände und eingeschleppte Räuber wie Katzen und Ratten haben es auf die erwachsenen Vögel und ihre Brut abgesehen. Auf Great Inagua wusste man bis vor wenigen Jahren kaum etwas über die dort lebenden Papageien. Zählungen haben eine Größe der
Population von etwa 5000 Tieren ergeben, die ausschließlich in Baumhöhlen brüten, so dachte man jedenfalls bis April dieses Jahres. Wir, ein Team aus vier Freilandassistenten aus England, den U.S.A., Portugal und Österreich sollten heuer das Gegenteil beweisen. Nach mehreren Wochen Nestersuche entlang von zwei km langen Transekten (definierte gerade Strecken im Untersuchungsgebiet, entlang derer Erhebungen durchgeführt werden) durch verschiedenste Vegetationstypen, fanden wir das erste Bodennest, und es sollte nicht das einzige bleiben – wir fanden ein weiteres sowie ein Papageienpaar, das in einem Stapel Betonziegeln am Stadtrand einen Nistversuch startete.
Bodennester – eine traurige Sensation?
Grund genug für einen Brief an die Daheimgebliebenen (7.5.2007): „Wir haben bereits das zweite Bodennest auf Inagua gefunden! Es ist dies eine kleine Sensation, da man bisher angenommen hatte, dass die Bahama Amazonen nur auf der Insel Abaco in Bodenhöhlen im Korallenkalk nisten, und zwar deshalb, weil sie dort keine Baumhöhlen zu Verfügung haben. Nun haben wir hier bereits zwei solcher Nester unweit von Nestern in Baumhöhlen gefunden und damit alles auf den Kopf gestellt...“
Dass die Papageien auf Inagua auf Bodenhöhlen ausweichen, ist ein Zeichen dafür, dass es nicht genügend Baumhöhlen gibt. Dies wiederum ist eine Konsequenz von Abholzungen, die für Baumwoll- und Sisalplantagen im frühen 20. Jahrhundert Platz schafften. Man muss annehmen, dass viele Bäume aufgrund der extremen Umweltbedingungen nur sehr langsam wachsen und es daher wichtig ist, jene Nist¬höhlen zu schützen, die heute noch vorhanden sind.
Wissen ist Grund¬voraussetzung für Schutzmassnahmen
Die von uns in der Zeit von 1. März bis 18. Juni 2007 gesammelten Daten über Nestzahlen und deren Verteilung auf Great Inagua, sollen nun helfen zu verhindern, dass es der Population hier genauso ergeht wie jener auf der Insel Abaco: die Vernichtung des gesamten alten Baumbestandes mit seinen wertvollen Baumhöhlen durch Abholzungen für Plantagen sowie den Bau von Tourismuskomplexen.
Bisher scheint die Zeit auf Great Inagua stehen ge¬blieben zu sein, die Inaguer sind stolz auf ihre Insel und auf Grund der geringen Einwohnerzahl ist das Gleichgewicht der Natur trotz Jagd und Fischfang noch intakt. Die Papageien werden akzeptiert, auch wenn sie manchen als Obstdiebe ein Dorn im Auge sind. Mit dem „Parrot Open House“ Event, bei dem durch Exkursionen, Vorträge und Wettbewerbe für Kinder die Papageien den Einwohnern näher gebracht wurden, hoffen wir, dass auch in Zukunft die Harmonie auf Inagua erhalten bleibt. Auch in der Nistsaison 2008 möchten wir wieder an diesem Forschungsprojekt zum Schutz der Bahama Amazone beteiligen.
Die österreichische Biologin Ulla Kail hat von März bis Juni 2007 als Forschungsassistentin für Mag. Caroline Stahala und den Bahamas National Trust auf Great Inagua, Bahamas, gearbeitet.
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