Coco hat es nicht geschafft
Tödliche Ignoranz einer Graupapageienhalterin


Foto 1

Im Frühjahr dieses Jahres brachte Frau Carla M. (Name von Red. geändert) ihren Graupapagei Coco zu uns ins Papageienheim. Coco hatte eine Verletzung am Flügel, Frau M. war nicht bereit, weitere Tierarztkosten auf sich zu nehmen. Zwei Mal war sie zuvor in einer Wiener Tierklinik gewesen, doch die Therapie griff nicht.
Bereits am nächsten Tag hatte Coco den Verband vom Flügel entfernt, was darunter zum Vorschein kam, ließ Heimleiterin Gerlinde Mentl erschaudern – ein bis auf den Knochen abgenagter Flügel! (s. Foto 1) Sofort fuhr sie in die Tierklinik Strebersdorf und dort blieb nichts anderes übrig, als einen Teil des Flügels zu amputieren! Anschließend wurde die Wunde wieder mit einem Verband geschützt, dazu musste Coco eine Plastikkrause tragen und eine Behandlung mit Antibiotika über sich ergehen lassen. Bei der Kontrolluntersuchung wurde jedoch festgestellt, dass die Wunde nicht heilen wollte und bereits wieder gesunde Knochenteile eitrig und entzündet waren. Es blieb nichts anderes übrig, als eine weitere Amputation vorzunehmen. Dann wieder Nachbehandlung. Knochenmaterial wurde zur Untersuchung auf Knochenkrebs ins Labor geschickt – Befund negativ – wir atmeten auf.



Die Wochen verstrichen. Coco war geduldig. Immer noch hatte er das Vertrauen in die Menschen nicht verloren, war dankbar für jede Streicheleinheit und hielt seinen Kopf auch nach den Antibiotikagaben zum Kraulen hin. Der nächste Kontrollbesuch brachte die nächste große Enttäuschung – Cocos Wunde wollte nicht heilen. Noch eine Operation – die letzte mögliche Amputation. Auch für die versierten Tierärzte in der Klinik Strebersdorf eine Herausforderung und ein eher unüblicher Fall. Diesmal blieb Coco in der Klinik, bekam Laserbehandlung zur besseren Wundheilung. Doch ein paar Tage später kam die ernüchternde und endgültige Nachricht: „Der Knochen hat sich wieder entzündet, wir können nichts mehr für Coco tun. Dürfen wir ihn erlösen?“
Wenn man im Papageienschutz arbeitet, hat man es mit vielen traurigen Fällen zu tun und man ist immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Vögel, die Jahre bis Jahrzehnte falsch ernährt und einzeln gehalten wurden, meist aus Unwissenheit, leiden und sterben an den Spätfolgen, wie Aspergillose oder Degeneration der inneren Organe. Warum also hat uns dieser Fall so erschüttert und entsetzt?
Weil hier nicht nur Unwissenheit, sondern, noch viel schlimmer, scheinbar der Unwille zu helfen, vordergründig war. Es ist nicht nachvollziehbar, dass man ein Tier 10 Jahre lang hält und dann, wenn es dringend Hilfe benötigt, im Stich lässt.
Cocos Leidensweg war ein besonders trauriger: Im Herbst war seine Besitzerin selbst ins Spital gekommen, die (erwachsenen) Kinder versorgten den Graupapagei in der Wohnung – drei Monate sollte er dort alleine verbringen! In seiner Verzweiflung und Einsamkeit hat er wohl begonnen, an seinem Flügel herumzunagen, vielleicht war dem auch eine kleine Verletzung vorausgegangen. Die Betreuer hatten von all dem nichts bemerkt. Als die Besitzerin zurück nach Hause kam, bemerkte sie das Problem zwar, versuchte jedoch wochenlang, dieses mit einer Salbe aus dem eigenen Medikamentenschrank zu beheben. Natürlich wurde die wunde Stelle immer größer.
Als sich Frau M. dann doch in einer Wiener Tierklinik begab, wollte man Coco dort narkotisieren und behandeln – doch Frau M. wusste es scheinbar besser, sie verweigerte die Narkose, bestand darauf, dass der Flügel nur verbunden wurde. Sie berief sich darauf, einmal erfolgreich Wellensittiche gezüchtet zu haben (und daher scheinbar alles zu wissen, Anm. der Red.) So nahm die Tragödie ihren Lauf. Beim nächsten Tierarztbesuch wurde Frau M. dringend empfohlen, mit der Arge Papageienschutz Kontakt aufzunehmen.
Als wir Frau M. während der Behandlung Cocos anriefen, wirkte sie unbeeindruckt, auch an den Tierarztkosten – 498 Euro – wollte und will sie sich nicht beteiligen. Ist es nicht unglaublich: Frau M. war zuvor selbst im Spital gewesen, wo man ihr geholfen hatte. Man würde meinen, dass gerade eine Situation wie diese die Menschen erkennen lässt, wie wichtig
Hilfeleistung ist.
Auf einen Brief, in dem wir Frau M. ihre Verantwortungslosigkeit vor Augen hielten, reagierte sie nur mit einem verärgerten Anruf – sie habe ihren Coco „geliebt“ meinte sie. Was Coco wohl von dieser Liebe gehabt hat?

zurück zum Newsletter 1/2008