Gottschalks Spaßvögel?

Wieder einmal mussten Papageien im TV als Witzfiguren herhalten. Ein Verein in Wien bemüht sich um einen humanen Umgang mit den faszinierenden Vögeln.

In "Wetten, dass . . ." hatten zwei von ihnen wieder einmal ihren großen Auftritt: Als "Saalwette" hätten sie "Maschndroathzauun" nuscheln sollen, doch den beiden Krummschnäbeln - ein afrikanischer Graupapagei und ein Blau-gelber Ara waren von ihren "lieben" Besitzern ins Studio geschleppt worden - hatte es die Rede verschlagen.
Wer nur über ein wenig Ahnung vom Papageien-Seelenleben, oder auch nur über simples Einfühlungsvermögen verfügt, den wundert das nicht: Selbst wenn sie den parodistischen Country-Hit tatsächlich nachplappern hätten können - die völlig unbekannte Umgebung, die Anwesenheit von tausenden fremden Menschen, grelles Scheinwerferlicht und laute, gänzlich ungewohnte Geräusche können für einen Vogel, auch wenn er so intelligent wie ein Papagei ist, nur grenzenlosen Stress bedeuten. Dementsprechend ängstlich haben die beiden Federtiere denn auch reagiert, doch Mitleid hatte keiner mit ihnen. Papageien gelten eben nach wie vor als unkomplizierte Spaßvögel, die nichts lieber tun, als menschliches Gewäsch nachzuplappern und dabei akrobatische Faxen zu machen.
Das Lebewesen hinter dem grellbunten Klischee nimmt die breite Masse erst gar nicht wahr - entsprechend schlimm ist es um die realen Lebensumstände unzähliger in Menschenhand gehaltener Vögel bestellt. Papageien sind Wildtiere, auch wenn sie in Gefangenschaft erzüchtet wurden, kann von einer echten Domestikation nicht die Rede sein. Sie haben die selben Bedürfnisse wie ihre wildlebenden Artgenossen, die sich im Alltag sehr aktiv verhalten. Für Zivilisationsmenschen, die sich so einen Exoten im Käfig als Zierde in den Wintergarten oder ins Wohnzimmer stellen, ist es kaum vorstellbar, wie weit Papageien in freier Wildbahn fliegen, welche Strecken sie bei der täglichen Futtersuche zurücklegen, wie viele Stunden sie beim Futtern mit Nagen und Knabbern verbringen, wie groß die Vielfalt der von ihnen aufgenommenen Futterstoffe ist.

Reine Tierquälerei
Beschäftigungmangel und Einsamkeit - alle Papageien sind gesellig - machen unzählige Tiere zu Neurotikern, manchmal zu echten "Geisteskranken": Immer wieder landen Tiere in den Tierarztpraxen, die sich selbst zerstören, sich die Federn ausrupfen, sich Wunden zufügen. Andere werden aggressiv, attackieren Familienmitglieder, werden als "Dauerkreischer" in abgelegene Räume in Einzelhaft verbannt, ihr seelisches Leid wird damit noch vergrößert.
Nach wie vor wird von angeblichen "Experten" erklärt, dass die Einzelhaltung von Papageien durchaus vertretbar sei, wenn "man sich viel mit dem Vogel beschäftigt". Nach wie vor wird die Einzelhaltung empfohlen, "wenn der Vogel besonders gut sprechen lernen soll." Tatsächlich ist das Nachahmen von menschlichen Sprachlauten in erster Linie ein Zeichen großer Einsamkeit: Die Sprachbegabung mancher Arten - der Graupapagei gilt als bester "Sprecher" - und ihr buntes Gefieder wurden und werden vielen Papageien zum Verhängnis.
Zwar gibt es mittlerweile strenge Einfuhrbestimmungen, dennoch werden immer noch tausende Vögel jährlich in freier Wildbahn gefangen - für jeden "wilden" Vogel in der Tierhandlung müssen bis zu zehnmal so viele Tiere beim Fang und auf dem Transport ihr Leben lassen. Doch auch die vielgelobten "Handaufzuchten" sind nicht unproblematisch: Häufig sind handaufgezogene Tiere so auf den Menschen geprägt, dass sie sich nicht mehr mit einem Artgenossen verpaaren können. Der Triebstau führt oft dazu, dass die Vögel aggressiv und damit "unhaltbar" werden.
Die "Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz" bemüht sich in Österreich um Hilfe für seelisch und körperlich kranke Papageien und Sittiche. Der durch die private Initiative der Biologin Nadja Ziegler begründete Verein bemüht sich nicht nur um Aufklärung über die leider oft missverstandene Tierart, er leistet vor allem in vielfältiger Weise praktische Tierschutzarbeit: Dutzende Papageien und Sittiche konnten aus quälender "Einzelhaft" befreit und mit Artgenossen vergesellschaftet werden, zahlreiche Tiere wurden aus unzumutbaren Haltungsabedingungen in Tierhandlungen, Geschäftslokalen und Privathaltungen in "bessere Verhältnisse" übersiedelt. Mittlerweile existiert auch ein "Papageienheim" im niederösterreichischen Obersulz. Urlaubsbetreuung für Vögel wird im Bedarfsfall ebenso organisiert wie der Transport im "Papageientaxi". Allein im Vorjahr ging der Verein 60 Beschwerden über schlechte Papageienhaltungen in ganz Österreich nach.
Darunter auch in drei Pensionistenheimen, denn nicht immer machen die Bedingungen, unter denen Vögel die älteren Menschen aufheitern sollen, auch sie selbst glücklich. Die Vereinsaktivitäten müssen über Spenden finanziert werden - auch die oft teure medizinische Betreuung geretteter Vögel. Und darüberhinaus bemüht sich die "Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz" auch um den internationalen Schutz der bedrohten und ausgebeuteten Vögel: Im Vorjahr wurde ein Projekt in Costa Rica finanziell unterstützt, in dessen Rahmen beschlagnahmte Papageien und Sittiche wieder in die Freiheit entlassen wurden.
Andrea Dee

© DER STANDARD, 5./6. Februar 2000
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